Aargauer hässig: Ohne Twint kein Parkplatz – Automat nimmt kein Münz

Ein Aargauer will in Lenzburg mit Münzen parkieren, doch der Automat nimmt sie nicht. Die Polizei verweist ihn auf Twint, sonst dürfe er nicht parkieren.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein 70-Jähriger kann in Lenzburg AG nicht mit Münzen zahlen, der Automat klemmt.
- Die Polizei sagt ihm am Telefon, ohne Twint oder Parkingpay dürfe er nicht parkieren.
- Die Stadt bedauert den Vorfall und will die Regionalpolizei sensibilisieren.
Ein Autofahrer aus dem Aargau hat in Lenzburg AG seine Parkgebühr nicht bezahlen können. Der Automat nahm sein Münz nicht an, und die Polizei wies ihn auf digitale Zahlungsmittel hin.
Der 70-Jährige hatte sein Auto auf dem Parkplatz «Seifi» abgestellt. Am Automaten gab er das Kennzeichen ein und wollte die Münzen einwerfen. Doch es ging nicht, irgendetwas klemmte. Auf dem Gerät fand er den Hinweis, bei einer Störung die Polizei zu kontaktieren. Also rief er dort an.
Der Beamte sei freundlich gewesen, berichtet der Mann gegenüber «Streetlife». Er habe ihn gefragt, ob er Twint oder Parkingpay nutze. Beides besitzt der Aargauer nicht, er hatte ja Bargeld dabei.
Die Antwort des Polizisten verblüffte ihn: Ohne eine dieser Möglichkeiten dürfe er dort nicht parkieren. Der Mann diskutierte nicht weiter, stieg ins Auto und suchte sich einen anderen Platz.
Kein Technikverweigerer
Dabei lehnt der pensionierte Gitarrenlehrer die Technik nicht grundsätzlich ab. Er besitzt ein Smartphone und eine Kreditkarte und zahlt bei Bedarf mit Visa. Twint und Parking-Apps nutzt er aber bewusst nicht. «Es wird einfach zu viel», sagt er über die wachsende Zahl von Apps, Konten und Zugängen.
Dazu kommt sein Misstrauen. Immer wieder erhält er Mails, die angeblich von Banken, der Post oder Twint stammen. Sogar Nachrichten über ein gehacktes Twint-Konto landen bei ihm, obwohl er gar keines hat. Für ihn ist Bargeld deshalb auch eine Frage der Wahlfreiheit.

Mit dieser Haltung ist er nicht allein. Laut der Zahlungsmittelumfrage der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist die Debitkarte vor Ort inzwischen das meistgenutzte Zahlungsmittel.
Bargeld folgt knapp dahinter und liegt noch vor den Bezahl-Apps. Menschen ab 55 Jahren zahlen laut SNB häufiger bar als jüngere. Abschaffen wollen das Bargeld nur zwei Prozent der Befragten.
Parkingpay war als Ergänzung gedacht
Die Nationalbank sieht in Bargeld ausserdem mehr als ein Zahlungsmittel. Es schütze die finanzielle Privatsphäre und fördere die «finanzielle Inklusion». Wer bar zahlen kann, braucht kein Smartphone und keine App.
Auch die Geschichte in Lenzburg zeigt das. Die Stadt führte Parkingpay 2021 an den damals 52 Parkuhren ein. Die App sollte eine zusätzliche Möglichkeit sein. Wer lieber bar zahlte, konnte weiterhin Franken- und Euromünzen oder den Lenzburg-Jeton verwenden.

Daran habe sich nichts geändert, hält die Stadt auf Anfrage von «Streetlife» fest. Das Telefonat des Aargauers bedauert sie. «Wir bedauern, dass es zu diesem Zwischenfall gekommen ist», schreibt Michèle Gächter, stellvertretende Leiterin Kommunikation, nach Rücksprache mit der Regionalpolizei.
Gängige Praxis sei es, gemeldete Störungen im Einzelfall zu prüfen und «nach Möglichkeit eine pragmatische Lösung zu finden». Die Stadt betont zudem: «Personen, die weder Twint noch Parkingpay nutzen, sollen dadurch nicht grundsätzlich vom Parkieren ausgeschlossen werden.»
Polizei wird sensibilisiert
Der Aargauer hat die Störung gemeldet, eine pragmatische Lösung bekam er laut eigener Darstellung trotzdem nicht. Die Stadt kündigt nun an, die Mitarbeitenden der Regionalpolizei Lenzburg «nochmals für den Umgang mit solchen Situationen» zu sensibilisieren.
Der Mann hätte sich nichts Grosses gewünscht. Die Polizei hätte etwa sein Kennzeichen notieren und ihn das Auto stehen lassen können, bis die Sache geklärt ist. «Das wäre kulant gewesen», sagt er.

Seine Haltung hat das Erlebnis nicht verändert. Smartphone und Kreditkarte besitzt er, doch für jeden Alltagsvorgang eine weitere App will er nicht. «Ich finde, man muss auch Bargeld erhalten, unbedingt.»






