Badi-Betriebsleiter: «Teils irrwitzige Gäste-Wünsche nehmen zu»

Olivier Diethelm
Olivier Diethelm

Aarau,

Steve Radam leitet seit 2006 das Schwimmbad Suhr-Buchs-Gränichen. Er spricht über eine erfolgreiche, aber anstrengende Saison und 20 Jahre im Bad.

Steve Radam
Steve Radam blickt auf 20 spannende Dienstjahre als Betriebsleiter des Schwimmbads Suhr-Buchs-Gränichen zurück. - zVg

Seit 2006 ist Steve Radam der Betriebsleiter des Schwimmbads Suhr-Buchs-Gränichen. Im Interview erzählt er von der erfolgreichen aber auch anstrengende Saison 2026.

Und er blickt auf zwanzig spannende Dienstjahre in der Badi zurück. Im Laufe der Jahre hat sich so einiges verändert und vieles ist anspruchsvoller geworden.

Redaktion: Herr Radam, Sie sind seit 20 Jahren Betriebsleiter des Schwimmbads Suhr-Buchs-Gränichen. Wenn Sie auf diese zwei Jahrzehnte zurückblicken: Was hat sich am stärksten verändert?

Steve Radam: Das Schwimmbad wurde in den letzten 20 Jahren mehrmals umgebaut und angepasst. 2008/09 war ein grosser Umbau, den ich leiten durfte und der das Gesamtbild bis heute prägt.

Vor drei Jahren trafen wir die Vorbereitungen für das Stellen der Traglufthalle und im Zuge dessen wurden auch die Garderoben wintertauglich gemacht. Die Bevölkerung der Gemeinden Suhr, Buchs und Gränichen hat sich in diesen zwei Jahrzehnten auch verändert und ist gewachsen.

Romantische Stimmung: Sehr beliebt sind die Vollmondschwimmen.
Romantische Stimmung: Sehr beliebt sind die Vollmondschwimmen. - zVg

Neben der Sicherstellung des Badebetriebs gehört es auch zu unseren Aufgaben, uns zu überlegen, wie das Schwimmbad mit der Bevölkerung wachsen kann, wie es sich den Wünschen anpassen kann oder manchmal auch nicht (lacht).

Das macht es für mich hier sehr spannend, denn nichts ist statisch und alles ist in Bewegung. So habe ich auch das Restaurant 2017, das bis dahin verpachtet war, in den Betrieb integriert.

Redaktion: Was reizt Sie bis heute an dieser Aufgabe?

Radam: Hier im Schwimmbad arbeiten im Jahr etwa 30 Leute, darunter hat es Teilzeit-Angestellte sowie viele Studenten und Schüler, die kommen und gehen. Diese Wechsel und Einsätze zu koordinieren ist ein spannender, aber auch aufwendiger Bereich meiner Aufgaben.

Zudem dürfen wir auf grossen Rückhalt in der Bevölkerung und bei den Schulen, aber auch in der Politik zählen, was ebenfalls zu einer grossen Motivation beiträgt.

Redaktion: Gibt es eine Begegnung, einen besonderen Tag oder ein Ereignis aus den vergangenen 20 Jahren, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Radam: Es gab grosse Events wie zum Beispiel 2015 das Vollmondschwimmen bei perfektem Wetter mit über 3500 Eintritten und mit Platzkonzerten, etwa von der MG Suhr.

Der damalige Restaurantpächter veranstaltete ein Buffet à discrétion, das bereits nach einer Stunde Nachschub erforderte. Aber auch das Hochwasser 2021, das einige Schäden verursachte, bleibt in Erinnerung, wenn auch nicht so positiv.

Redaktion: Wie würden Sie die diesjährige Sommersaison 2026 bisher beschreiben?

Radam: Wettertechnisch war die Saison sensationell und wir hatten rekordverdächtig viele Besucherinnen und Besucher. Die anhaltende Trockenheit und der Aufruf, Wasser zu sparen, waren auch ein grosses Thema. Mit dem Abwasser aus den Becken konnten wir unsere Liegewiesen grösstenteils grün halten.

Uns ist es auch sehr wichtig, dass wir hier keine schweren Unfälle hatten und abends alle gesund und munter nach Hause gehen konnten.

Redaktion: An besonders heissen Tagen gab es einen regelrechten Ansturm. Wo liegen dann die grössten Herausforderungen für den Betrieb?

Radam: Bei so vielen Gästen ist der Parkplatz schnell mal voll und die Leute müssen auch manchmal länger anstehen, was zu Verstimmungen führen kann. Wir konnten das aber gut händeln und haben eine «Fastlane» eingeführt, wo die Leute via Handy über den Webshop Tickets lösen konnten.

Wir hatten sehr viele Kinder und Jugendliche. Dafür zu sorgen, dass die Badi-Ordnung eingehalten wird, war nicht ganz so einfach. Missmut gab es auch beim Stau beim Restaurant, dieser ist aber bei einem solchen Ansturm einfach unvermeidlich. Ich meine, der tatsächliche Schnitt der Besucherzahlen dieses Jahr lag bei 670 pro Tag.

Bis zu 1200 Besuchenden reichen unsere Kapazitäten etwa punkto Parkplätze, Garderoben, Liege- und Badefläche oder Restauration. Wir hatten Tage mit über 2600 Besuchenden, was dann schon ziemlichen «Dichtestress» verursachte und auch unserem Personal einiges abverlangte.

Traglufthalle
Die Traglufthalle ermöglich auf im Winter das Schwimmen auf einer 50-Meter-Bahn. Sie wird voraussichtlich am 28. September eröffnet. - zVg

Redaktion: Wie verändert sich die Situation im Schwimmbad an Tagen, an denen es so viele Gäste hat?

Radam: Es hat natürlich viel mehr Leute im Wasser, was eine hohe Konzentration unsererseits erfordert, um alles im Überblick zu behalten.

Wir müssen bei Kindern und Jugendlichen mehr intervenieren, wenn sie es mit dem Rumtoben übertreiben – und vermehrt Wegweisungen aussprechen, wenn sich die Jugendlichen einfach nicht mässigen wollen, obwohl wir es ihnen mehrfach gesagt haben.

Es gilt, die Sicherheit und das Wohlbefinden der Gäste wie auch die Hygiene gewährleisten. Gerade an Tagen mit so hohen Besucherzahlen ist das für uns sehr anstrengend. Wir leisten Doppelschichten bei Temperaturen gegen 40 Grad direkt beim Pool und bei einem sehr hohen Lärmpegel.

Es gibt auch viele Gäste, die ungeduldig werden und reklamieren, wenn sie im Restaurant lange auf ihr Essen warten müssen, weil die Küche bereits an ihrer Kapazitätsgrenze arbeitet.

Redaktion: Welche Auswirkungen hat das heisse Wetter auf die Wasserqualität und die Technik des Schwimmbads?

Radam: Die Wasserqualität darf niemals unter den gesetzlichen Normen sein, dafür sorgt unsere grosse Umwälzanlage mit Pumpen und Filtern. Wir prüfen die Wasserqualität mehrmals am Tag. Auch wenn wir an Spitzentagen über 2500 Gäste haben, ist die Qualität des Wassers immer absolut im Normbereich und weit unter den Grenzwerten.

Das klappt allerdings nur mit viel Frischwasser, da zum Beispiel Harnstoffe nicht aus dem Wasser gefiltert, sondern nur verdünnt werden können. Die Anlage läuft an solchen Tagen unter Volllast.

Redaktion: Wenn Sie die Saison 2026 mit jener vor 10 oder 20 Jahren vergleichen: Was fällt Ihnen bei den Gästen und ihren Ansprüchen besonders auf?

Radam: Die individuellen und teils irrwitzigen Wünsche der Gäste haben zugenommen. Das Verhalten ist oft egoistisch und man nimmt weniger Rücksicht auf andere Gäste. Das Verständnis gegenüber dem Allgemeinwohl ist nicht mehr so, wie es einmal war.

Auch wenn wir mal ein Becken oder die Rutschbahn sperren müssen, etwa aus technischen Gründen, stossen wir bei den Gästen auf wenig Verständnis. Sie wollen unsere Entscheide nicht einfach akzeptieren und dann gibt es oft mühsame Diskussionen, die uns Nerven kosten.

Warst du schon einmal im Schwimmbad Suhr-Buchs-Gränichen?

Die Leute machen nicht mehr einfach, was man ihnen sagt, sondern haben ihre eigene Meinung, häufig basierend auf Halbwissen aus dem Internet. Das gab es vor zehn Jahren noch nicht.

Auch Littering ist ein grosses Thema. Haben wir als Kinder noch gelernt, einen sauberen Platz zu hinterlassen, lassen viele Gäste ihre Abfälle einfach liegen, obwohl sich ein Abfallkübel gleich in der Nähe befindet.

Nachdenklich stimmt mich auch, dass wir gerade um das Planschbecken, wo kleine Kinder sind, am Abend die meisten Zigarettenstummel auflesen müssen. Wir haben uns auch schon Raucherecken überlegt, aber der Personalaufwand dafür, das durchzusetzen, ist einfach zu gross. Wenn, dann müsste auf dem Schwimmbadgelände ein generelles Rauchverbot herrschen.

Redaktion: Wann endet die Sommersaison und wann beginnt die Wintersaison mit der Traglufthalle?

Radam: Am 13. September ist der letzte Tag der Sommersaison und, wenn alles reibungslos klappt, ist die Traglufthalle ab dem 28. September einsatzbereit.

Redaktion: Wie aufwendig ist es jeweils, das Schwimmbad von der Sommersaison auf den Winterbetrieb unter der Traglufthalle umzustellen?

Radam: Die reine Aufbauzeit der Traglufthalle beträgt acht bis zehn Stunden. Viele Stammgäste wie auch die Sportlerinnen und Sportler vom Schwimmklub Aarefisch und ihre Angehörigen helfen fleissig mit. Dazu kommen verschiedene Vorarbeiten:

Die Geländer und Startblöcke vom 50-Meter-Becken müssen demontiert werden, es braucht eine Montageplane, die über das Wasser gespannt wird, und die Bauteile der Halle müssen an den entsprechenden Orten platziert werden.

Die Firma Gasser, der Hersteller der Traglufthalle, unterstützt uns mit ihrem Know-how, wenn es etwa Anpassungen braucht. Der Aufbau ist auch vom Wetter abhängig. Bei starkem Regen oder Wind etwa muss der Aufbau ein paar Tage verschoben werden.

Redaktion: Was unterscheidet den Betrieb unter der Traglufthalle vom Sommerbetrieb?

Radam: Wir haben natürlich deutlich weniger Gäste und auch eine andere Klientel. Neben den Schulen kommen im Winter die Leute konkret zum Schwimmen.

Es geht viel gesitteter zu und her. Wir haben ein Reservationstool, wo die Leute im Vorhinein ihren Slot von einer Stunde buchen müssen. Einfach vorbeikommen geht nicht.

Von den sechs Bahnen sind zwei Bahnen von Schulen belegt. Für die restlichen vier Bahnen verkaufen wir pro Bahn und Stunde acht Tickets. So wird gewährleistet, dass die Wasserfläche optimal und sinnvoll genutzt werden kann.

Es gibt einen Hoch- und einen Niedertarif, abhängig von der jeweiligen Auslastung und Belegung der Bahnen. Die Stunde bezieht sich auf die reine Wasserzeit. Der Zutritt wird bereits 15 Minuten vor dem Slot gewährt, damit man Zeit hat, sich umzuziehen und zu duschen.

Redaktion: Und noch ein paar Gedanken zum Schluss?

Radam: Die Schwimmbäder kämpfen ziemlich mit Personalmangel. Der Job des Bademeisters ist sehr vielseitig und macht grossen Spass, ist aber auch sehr anstrengend und fordert einen.

schwimmer
Steve Radam: «Schwimmbäder kämpfen ziemlich mit Personalmangel.» (Symbolbild) - depositphotos

Es ist eine Arbeit, die sehr wetterabhängig ist und somit eine hohe Flexibilität erfordert. Gerade wenn man Familie hat, ist es nicht einfach: Man geht morgens um sechs aus dem Haus und kommt erst spätabends wieder nach Hause.

Weiter braucht man als Bademeister eine hohe Sozialkompetenz, um die ganz unterschiedlichen Situationen mit Badegästen meistern zu können. Das braucht und kostet Nerven, was einen mit der Zeit auch auslaugen kann.

Hinter dem Beruf des Bademeisters steckt viel mehr, als die meisten Leute denken. Ich bin Ausbilder und beim Badmeisterverband sehr engagiert. Ich habe selber fünf Leute zu Bademeistern ausgebildet.

Der Beruf des Bademeisters ist in der Schweiz seit zwei Jahren etabliert und heisst als Ausbildungsberuf Fachmann Betriebsunterhalt mit Schwerpunkt Sportanlagen. Grosse Städte und grössere Gemeinden bilden Leute entsprechend aus.

Das wäre eine Aufgabe, in der ich mich und auch unseren Betrieb weiter gerne sehen würde. Was ich mir wirklich noch wünschen würde, wäre eine Badi-Haltestelle für das Tram, das ja direkt an der Badi vorbeifährt.

Das würde zum Beispiel das Parkplatzproblem entschärfen und den Weg in die Badi mit dem ÖV im Gegensatz zur heutigen Situation sehr erleichtern.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Aarauer Nachrichten» erschienen.

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