Solothurn

Kind kann wegen Personalmangel nicht im Spital bleiben

Stephan Felder
Stephan Felder

Solothurn,

Trotz Pflegeinitiative fehlt in Schweizer Spitälern Personal. Selbst Kinder können deshalb nicht immer stationär aufgenommen werden.

Kind Spital
Auch Kinder müssen wegen des Pflege-Notstands in der Schweiz öfter verlegt werden. (Symbolbild) - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schweiz bildet deutlich zu wenige Pflegefachpersonen aus.
  • Wegen Personalmangels bleiben vorhandene Spitalbetten teilweise leer.
  • GLP-Nationalrat Patrick Hässig fordert rasch bessere Arbeitsbedingungen.

Anfang September im Schweizer Mittelland.

Erstklässler Flurin K.* (7) stürzt in der grossen Pause von einer Mauer. Er fällt aus rund zwei Metern Höhe auf den Kopf.

Klarer Fall: Flurin muss in die Notaufnahme. Diagnose: Hirnerschütterung.

Betten hat es, aber nicht genügend Personal

Doch: Die Kinderabteilung des Spitals ist voll ausgelastet. Flurin kann nicht stationär aufgenommen werden.

Nicht aus Platzgründen. Sondern, weil schlicht zu wenig Pflegepersonal vorhanden ist.

Die Eltern werden vor die Wahl gestellt: Entweder wird Flurin in ein weiter entferntes Spital verlegt, oder die Eltern müssen ihren Sohn zuhause alleine unter Beobachtung halten.

Notfall-Station
Oft überlastet: Die Notfall-Station in einem Kinderspital. - keystone

Das Szenario ist nicht fiktiv, hat sich tatsächlich so abgespielt. Und Nau.ch weiss von direkt Betroffenen: Verlegungen aufgrund von Personalmangel sind tägliche Realität in Schweizer Spitälern.

Dabei wurde im November 2021 die eidgenössische Volksinitiative «Für eine starke Pflege» von Volk und Ständen angenommen.

Doch es gibt Kritik. Zwar wurde die erste Etappe des Volksbegehrens umgesetzt. Es besagt, dass Bund und Kantone Studierende und Ausbildungsbetriebe finanziell unterstützen, um mehr Pflegekräfte auszubilden.

Hapern tut es dagegen bei der Umsetzung der zweiten Etappe: Diese soll die Arbeitsbedingungen, die Verweildauer im Beruf und die berufliche Entwicklung verbessern.

Schweiz bildet viel zu wenig Personal aus

Nun zeigt ein neuer Bericht, wie gross die Personallücke tatsächlich ist.

Die Schweiz deckt nur 40 bis 55 Prozent ihres Nachwuchsbedarfs an Pflegefachpersonen mit eigenen Abschlüssen. Das schreibt der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) in einer Mitteilung.

Konkret: Jährlich müssten zwischen 6700 und 9300 Personen ein Diplom an einer Höheren Fachschule oder Fachhochschule erwerben.

2024 waren es gerade einmal 3350.

Zwar werden mehr Pflegefachpersonen ausgebildet. Der Bedarf wächst jedoch noch schneller. Deshalb sieht die Lage heute sogar schlechter aus als bei der letzten Prognose im Jahr 2021.

Etwas besser sind die Zahlen bei den Fachpersonen Gesundheit. Dort decken die Abschlüsse je nach Szenario zwischen 66 und 101 Prozent des Bedarfs.

Entwarnung ist das aber nicht. Denn diese Ausbildung ist zentral für den Nachwuchs an Höheren Fachschulen und Fachhochschulen.

«Betten hätte es genügend»

Wie schwierig die Situation im Pflegealltag ist, weiss Patrick Hässig. Der GLP-Nationalrat arbeitet neben seinem politischen Amt in einem Teilzeitpensum als Dipl. Pflegefachmann auf dem Kindernotfall eines Zürcher Akutspitals.

«Wir haben seit Jahren zu wenige Pflegefachpersonen. Das ist auch in der Pädiatrie der Fall», sagt Hässig zu Nau.ch. Pädiatrie ist der Fachausdruck für Kindermedizin.

Patrick Hässig SRG
GLP-Nationalrat arbeitet neben seinem politischen Amt in einem Teilzeitpensum als Dipl. Pflegefachmann auf dem Kindernotfall eines Zürcher Akutspitals. - zVg

Dabei wäre die nötige Infrastruktur vielerorts vorhanden. «Betten hätte es genügend. Wenn man kein Personal hat, kann man sie aber nicht belegen.»

Hinzu kommt: Ein Kindernotfall lässt sich nur schwer planen.

«An einem Tag hat man zehn Patienten, am nächsten Tag gibt es 60 Patienten», sagt Hässig.

Mehr Ausbildung allein reicht nicht

Klar ist: Nur zusätzliche Pflegefachpersonen auszubilden, löst das Problem nicht.

Denn viele verlassen den Beruf frühzeitig wieder. Bereits mit 40 Jahren arbeitet nur noch rund die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachpersonen in der Pflege. Also in Stellen in Spitälern, Pflegeheimen oder bei der Spitex.

Diese Berufsaustritte machen laut dem Versorgungsbericht einen Fünftel des gesamten Nachwuchsbedarfs aus.

Pensionierungen lassen sich nicht verhindern. Auch der wachsende Pflegebedarf einer alternden Bevölkerung nicht.

Bei den vorzeitigen Berufsaustritten könnte die Politik hingegen ansetzen.

«Es muss gelingen, die ausgebildeten Pflegenden im Beruf zu halten», fordert SBK-Geschäftsführerin Yvonne Ribi.

Dafür brauche es bessere Arbeitsbedingungen – und zwar flächendeckend. Die zweite Etappe der Pflegeinitiative sei für die Politik nun ein «Steilpass», um wirksam gegen den Mangel vorzugehen.

Belastung für Pflegende steigt

Solange Personal fehlt, müssen die verbleibenden Angestellten die Lücken auffangen.

«Jenen, die arbeiten, wird mehr aufgebürdet», sagt Hässig. Für ihn braucht es deshalb nicht nur mehr Nachwuchs, sondern auch bessere Perspektiven nach der Ausbildung.

Berufsleute
Nach der Lehre soll die Betreuung der Berufsleute nicht vernachlässigt werden. - keystone

Junge Berufsleute müssten nach der Lehre enger begleitet werden. Arbeitgeber sollten näher an ihnen dranbleiben und auf ihre Bedürfnisse eingehen.

Denn: «Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen haben andere Bedürfnisse und Lebensrealitäten als früher.»

Pflegepersonal wartet seit fast fünf Jahren

Der SBK stellt mehrere konkrete Forderungen.

Dienstpläne sollen verlässlicher werden. Spät-, Nacht- und Wochenenddienste sollen fair entschädigt werden. Und die Spitäler sollen genügend Personal einsetzen.

Auch berufliche Perspektiven dürfen nicht nach den ersten Jahren enden.

Sollen die Arbeitsbedingungen für Pflegepersonal verbessert werden?

Zudem fordert der Verband, die 2024 gestartete Ausbildungsoffensive zu verlängern. Der bisherige Plan sieht eine Laufzeit von acht Jahren vor.

Doch fast fünf Jahre nach dem deutlichen Ja zur Pflegeinitiative warten die Angestellten laut dem SBK weiterhin auf spürbare Verbesserungen.

Das zweite Umsetzungspaket liegt derzeit beim Parlament. Es soll ausgerechnet dort ansetzen, wo der Druck am grössten ist: Bei den Arbeitsbedingungen.

Was die Verzögerung im Alltag bedeutet, zeigt der Fall von Flurin.

Ein Bett wäre vorhanden gewesen. Nicht aber das Personal, das den Siebenjährigen darin hätte betreuen können.

*Name von der Redaktion geändert

Kommentare

User #3892 (nicht angemeldet)

Wird alles besser mit der 12 Mio Schweiz sagt die SP

User #5195 (nicht angemeldet)

Mehr Einwohner bedeutet mehr Häuser und Strassen bauen, mehr Spitäler bauen, mehr Personal ausbilden und und und... Personal sollte es doch genug haben, da jedes Jahr 80000 mehr dazu kommen.

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