«Negerchinge»-Fasnacht: Gemeindepräsi sieht kein Problem

Auch dieses Jahr setzen die Fasnächtler das umstrittene N vor ihren Ortsnamen – was erneut Kritik hervorruft. Der Gemeindepräsident will das Gespräch suchen.

Das Wichtigste in Kürze
- Egerkingen nennt sich zur Fasnacht seit Jahrzehnten «Negerchinge».
- Der Begriff sorgt erneut für Kritik – wegen seiner rassistischen Konnotation.
- Gemeindepräsident Studer relativiert, will aber das Gespräch mit den Fasnächtlern suchen.
- Experten fordern ein Umdenken – der Begriff sei historisch belastet und verletzend.
Wenn beim Naarechlapf am nächsten Mittwoch die Schlüsselübergabe an das Fasnachts-Oberhaupt erfolgt, wird Egerkingen zu «Negerchinge». Das ist keine Neuigkeit in der Solothurner Gemeinde: Seit Jahrzehnten setzen die Fasnächtler während der närrischen Tage ein N an den Anfang ihres Ortsnamens.
2019 sorgte das erstmals für Aufsehen. Damals erfasste eine Rassismus-Debatte das Dorf und katapultierte es in die landesweiten Schlagzeilen. Doch die Egerkinger Narren liessen sich davon nicht beeindrucken und blieben ihrem umstrittenen Namen treu – bis heute.
Wer dieser Tage durch Egerkingen fährt, wird bereits am Ortseingang unmissverständlich auf die fünfte Jahreszeit eingestimmt. Das aktuelle Fasnachtsplakat zeigt den höchsten Dorffasnächtler, den «Chräievatter» Dom Dom I., wie er auf einer Rakete ins All fliegt.
Über ihm prangt in Grossbuchstaben das diesjährige Motto: «Das Universum ruft». Direkt unter dem N steht – senkrecht geschrieben – «egerchinge».
Gemeindepräsident relativiert und verweist auf Tradition
Kaum überraschend also, dass der Name auch heuer Kritik erntet. «Letzte Woche hat mir eine Frau geschrieben, die sich an dem Begriff stört», sagt Gemeindepräsident Bernhard Studer zu Nau.ch. Ob es sich um eine Egerkingerin handle, wisse er nicht.
Die Beschwerde kann der 64-Jährige allerdings nur bedingt nachvollziehen. Aus seiner Sicht spiele der Name heute keine zentrale Rolle mehr.
Studer argumentiert wie folgt: Der Zusammenhang auf dem Plakat sei für ihn «nicht eindeutig». So stehe das Motto «Das Universum ruft» in Grossbuchstaben, während «egerchinge» darunter in anderer Schrift und in Kleinbuchstaben gehalten sei.
Dass das grosse N zu Egerkingen gehöre, sei darum «nicht offensichtlich», findet er. Im Gegenteil: Es brauche «einiges an Interpretation», um einen rassistischen Bezug herzustellen, findet Studer. Er gehe deshalb davon aus, dass die Bezeichnung heute «kein wesentlicher Aspekt der Fasnacht mehr» sei.
Das sehen nicht alle so, wie die aktuelle Beanstandung zeigt.
Ursprung des Begriffs liegt in der politischen Satire
Der Gemeindepräsident verteidigt den Namen zudem mit dessen langjähriger Tradition. Bereits seit dem 19. Jahrhundert seien im Kanton Solothurn die Katholisch-Konservativen als «Schwarze» bezeichnet worden.
In Egerkingen habe man sich während der Fasnacht mit einem zusätzlichen N über die CVPler lustig gemacht. Daraus habe sich der Name entwickelt – auch als Selbstironie der katholischen Organisatoren.
Studer gibt offen zu: Er störe er sich nicht an «Negerchinge» und fasse die Bezeichnung auch nicht als rassistisch auf. Zumindest, solange sie nur während der Fasnachtstage verwendet werde – dann gelte schliesslich die Narrenfreiheit.
Andererseits sei offensichtlich, dass der Name heute Anstoss erregt. Neben den Diskussionen in der Vergangenheit zeigten dies die aktuelle Beschwerde sowie die erneuten Medienanfragen.
Studer will das Thema daher nicht einfach beiseiteschieben. Er werde mit dem örtlichen Fasnachtsverein das Gespräch suchen und klären, «ob man nicht allenfalls auf den Begriff verzichten könnte».
Oberster Fasnächtler: «Fotzelei, die nicht böse gemeint ist»
In den Augen von Heinz Hegetschweiler wäre das gar nicht nötig. Der Präsident des Helvetischen Fasnachtsrings Hefari und damit oberster Fasnächtler der Schweiz sagt: «Ich sehe den Ausdruck ‹Negerchinge› als humoristisch gemeinte Fotzelei, die nicht böse gemeint ist.»
Die «vielfach angeprangerten Tatbestände» dürften nicht mit einer generellen Weltanschauung gleichgesetzt werden, argumentiert er. Sie würden bloss temporär für Schnitzelbänke und Mottowagen aufgegriffen – «zur temporären Belustigung, um nach der Fasnacht wieder zu verschwinden».

«Ich sehe daher keine offensichtliche Beleidigung oder Diskriminierung dahinter», so Hegetschweiler. Zudem würden die mutmasslichen Verstösse von Betroffenen oft als weniger gravierend angesehen werden als von jenen, die sie anprangern.
Zugleich betont er: Die Mottos, Figuren und Plakate der Fasnacht dürften nicht verletzend oder beleidigend sein. Gleichzeitig sei aber «die Toleranzgrenze in den letzten Jahren gesunken».
Stiftung gegen Rassismus fordert Verzicht
Ganz anders sieht das Philip Bessermann, Geschäftsleiter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Der verwendete Begriff sei ganz klar historisch belastet: «Er steht in engem Zusammenhang mit kolonialen und rassistischen Zuschreibungen, die Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe herabsetzen.»
Entscheidend sei dabei nicht die Absicht der Fasnächtler, sondern die objektive Wirkung des Begriffs. «In der Schweiz leben Menschen, die von solchen Zuschreibungen betroffen sind. Ihre Perspektiven sind Teil der gesellschaftlichen Realität», sagt Bessermann.

Wer trotz dieser Kenntnisse an der weiteren Verwendung festhalte, blende diese Erfahrungen aus. «Dies schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.»
Bessermann widerspricht auch dem Argument der Unabänderlichkeit von Tradition: «Kulturelle Praktiken und Traditionen unterliegen Wandel und stehen stets in einem Spannungsverhältnis zu sich verändernden Normen und Wertvorstellungen.» Fasnacht und ähnliche Bräuche seien vielfältig und «nicht auf einzelne Begriffe angewiesen, die andere Menschen herabsetzen».
Aus Sicht der Diskriminierungsprävention sei ein Verzicht durchaus zu verschmerzen, sagt Bessermann: «Es ist möglich und zumutbar, Traditionen so weiterzuentwickeln, dass sie inklusiv bleiben und keine Gruppen ausschliessen oder verletzen.» Das bedeute «keinen Traditionsbruch, sondern eine Anpassung an eine pluralistische Gesellschaft».










