Solothurnerin: Sexarbeit-Freikauf kostete Viertelmillion Franken

Clarissa Rohrbach
Clarissa Rohrbach

Solothurn,

Als Jugendliche wurde die Solothurnerin Mia von ihrem Freund zur Prostitution gezwungen. Nun spricht sie über das Thema Menschenhandel.

Bild1
Loverboys nutzen die emotionale Abhängigkeit ihrer Opfer, um sie für Sex zu verkaufen. Für die Frauen ist es nicht leicht, aus der Falle zu entkommen. (Symbolbild) - Unsplash

Als Mia 16 Jahre alt war, wurde sie von ihrem Freund zur Prostitution gedrängt. Der Loverboy wurde vom Gericht zu 10 Jahren Haft verurteilt.

Dass man ihr glaubte, ist für sie eine grosse Genugtuung. Sie spricht am 28. August an einem Anlass im Zürcher Grossmünster zum Thema Menschenhandel.

Zunächst schien es ein gewöhnlicher Flirt. Mia* lernte ihren zukünftigen Freund Albin* über die Dating-Plattform «Badoo» kennen. Sie war damals 16 Jahre alt, er 22.

Dating-App
Mia* lernte ihren zukünftigen Freund Albin* über die Dating-Plattform «Badoo» kennen. (Symbolbild) - pexels

Als sie feststellten, dass sie im selben Solothurner Dorf Zuchwil wohnten, trafen sie sich. «Es war schön, ich fühlte mich geschätzt», erinnert sich Mia.

Albin gab sich charmant, überhäufte sie mit Komplimenten – nicht nur über ihr Aussehen, sondern vor allem über ihr Wesen. «Er sagte, ich sei ein besonderer Mensch und dass er noch nie eine Frau wie mich getroffen habe.»

Bald begann Albin, von einer gemeinsamen Zukunft zu schwärmen. Mia verliebte sich.

Doch mit den Träumen kamen die Forderungen: Für das gemeinsame Glück brauche man Geld – und die einzige Lösung sei, dass Mia sich prostituiere.

Albin redete die Sexarbeit schön, sprach von «Begleitungen» und redete Mia ein: «Wenn du deinen Körper verkaufst, bist du eine Geschäftsfrau.»

Mia war skeptisch, willigte aber ein, weil sie Angst hatte, ihn zu verlieren. Schliesslich fühlte sie sich geschmeichelt, einem älteren Mann zu gefallen.

Manipuliert, belogen

Das erste Treffen mit einem Freier war ein Schock. Als Mia mit der Prostitution aufhören wollte, erhöhte Albin den Druck.

Er erfand Notlagen in seiner Familie und versprach, sie könne aufhören, sobald die Schulden getilgt seien. Mia schöpfte keinen Verdacht: «Er stellte es so dar, als wäre ich sein einziger Ausweg. Ich wollte einfach eine gute Freundin sein.»

Es folgte eine düstere Zeit. Während Mia ihre Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit absolvierte, musste sie in jeder freien Minute auf Abruf bereitstehen.

Um Kosten zu sparen, fanden die Treffen im Freien statt – im Wald oder in Grillhütten. Bei drei bis fünf Kunden pro Tag kassierte Albin täglich bis zu 1200 Franken.

Sind die Strafen für Menschenhandel ausreichend?

Die psychologische Manipulation funktionierte nach dem Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche: Auf Lob folgten Vorwürfe, auf Bestärkung Schikane. Systematisch isolierte Albin Mia von ihrer Familie und ihren Freunden.

Zudem raubte er ihr schrittweise das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. «Ich vertraute ihm mehr als mir selbst», sagt Mia heute. «Ich war sein Geschöpf.»

Beweislage erdrückend

Als ihre Mutter während dieser Zeit starb, erbte Mia Geld. Nach 18 Monaten Sexarbeit kaufte sie sich mit einer Viertelmillion Franken frei.

Dieses Geld war als Startkapital für eine gemeinsame Zukunft gedacht, und Mia hoffte, dass sich die Beziehung zu Albin dadurch verbessern würde. Doch die Schikanen hörten nicht auf – sie verschlimmerten sich.

gewalt
Als Jugendliche wurde Mia von ihrem Freund zur Prostitution gezwungen. (Symbolbild) - pixabay

Erst als ihre Halbschwester das Ausmass ihrer Verstörung sah, brach Mia durch deren Zuspruch nach zwei Jahren die Beziehung endgültig ab. Am Ende ihrer Lehre brach Mia zusammen.

Ein Hausarzt überwies sie an eine psychologische Beratungsstelle. Erst bei der Opferhilfe erfuhr sie von der «Loverboy-Masche» – und realisierte, dass ihre gesamte Beziehung auf Lügen aufgebaut war.

Albin war in Wahrheit verheiratet und Vater von drei Kindern. Auf Rat ihrer Psychologin erstattete Mia Anzeige.

Die Beweislage war erdrückend: Das Gericht verurteilte Albin zu zehn Jahren Freiheitsstrafe und sprach Mia 50’000 Franken Genugtuung zu. Das Obergericht bestätigte das Urteil vollumfänglich.

Narben bleiben

Heute ist Mia 26 Jahre alt, arbeitet mit kognitiv und psychisch beeinträchtigten Menschen und absolviert eine Ausbildung zur Sozialbegleiterin.

Die Narben der Vergangenheit trägt sie bis heute – mit Höhen und Tiefen. Doch der Gerichtsentscheid gab ihr ein Stück Würde zurück: «Es war eine grosse Genugtuung zu sehen, dass man mir geglaubt hat.»

*Namen geändert

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt der Stadt Zürich» erschienen.

Kommentare

User #4317 (nicht angemeldet)

Was sagt die $VP dazu?

Mehr aus Solothurn

Himmelried SO
Himmelried SO
Kanton Solothurn
Kanton Solothurn
Solothurn
Kanton Solothurn
Kanton Solothurn

Mehr aus Aargau

FC Aarau
2 Interaktionen
2:1 gegen Nyonnais
Känguru
3 Interaktionen
Eingefangen