Stellte sich Aarau-Amok gar nicht wegen Polizeifahndung?

Andrea Schüpbach
Andrea Schüpbach

Aarau,

Der Aarau-Amok-Schütze stellte sich einen Tag nach seiner Tat. Ein Kriminologe sagt, dass der Fahndungsdruck wohl gar nicht entscheidend war.

amok
Am Sonntag kam es in Aarau zu einer Schiesserei an einem Rave. Eine Person kam dabei ums Leben, fünf weitere wurden verletzt. - Nau.ch / Nico Leuthold

Das Wichtigste in Kürze

  • Kriminologe Dirk Baier ordnet ein, warum sich der Aarau-Amokschütze gestellt haben könnte.
  • «Ich denke nicht, dass der Fahndungsdruck entscheidend war», so der Experte.
  • Der Täter könnte auch einen Impuls gespürt haben, dass er Verantwortung übernehmen muss.
  • Der forensische Psychiater Jérôme Endrass sagt zudem, warum es überhaupt zu Amok-Taten kommt.

Ein 43-jähriger Mann aus dem Kanton Jura schiesst über 40 Mal wahllos in eine Menschenmenge. Auf Gäste einer Rave-Party, auf Fahrende. Eine Person stirbt.

Einen Tag später stellt er sich auf dem Polizeiposten in Delémont (JU). Die Aargauer Behörden sagen zu den Ermittlungen, dass es bereits eine heisse Spur gab.

Man folgte nach Zeugenhinweisen einem möglichen Tatfahrzeug. Die Festnahme war «absehbar», so heisst es.

War dies der Grund, warum sich der Schütze stellte? Kriminologe Dirk Baier schätzt bei Nau.ch ein – und sagt: «Ich denke nicht, dass der Fahndungsdruck entscheidend war.»

Montsevelier
Der Verdächtige lebte seit rund einem Jahr in Montsevelier JU. - Google Maps

Dass er nicht davon kommt, habe der Täter wohl schon gespürt. «Aber er hat ja nicht das Blaulicht der Polizei im Rückspiegel gesehen. Der Fahndungsdruck ist eher abstrakt als konkret.»

«Davon muss der Täter nichts gemerkt haben»

Baier weiter: «Die Polizei sagt zwar – und hat damit auch Recht – dass sie dem Täter auf den Fersen war. Und diesen bald gefasst hätte. Davon muss der Täter aber nichts gemerkt haben.»

Dirk Baier
Kriminologe Dirk Baier: «Ich denke nicht, dass der Fahndungsdruck entscheidend war.» - ZHAW

Es war also nicht entscheidend, dass ihn die Polizei schon «ins Fadenkreuz» genommen hat. Baier vermutet, dass zwei Dinge zusammengekommen sind.

Ein Impuls, Verantwortung zu übernehmen

Erstens habe der Täter festgestellt, dass die öffentliche Aufmerksamkeit so gross ist, dass er gar nicht mehr unentdeckt bleiben kann. Auch das Land unentdeckt zu verlassen, ist nicht möglich.

«Vielleicht hat er auch gewusst, dass Personen die ihn kennen, vermuten könnten, dass er der Täter ist. Und dies der Polizei mitteilen werden.»

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Und zweitens: «Der Täter hat sehr wohl realisiert, was er angerichtet hat. Er hat vielleicht nicht Reue empfunden, aber irgendeinen Impuls, der ihm gesagt hat, dass er die Verantwortung dafür übernehmen muss.»

Denkbar wäre auch gewesen, dass er sich suizidiert hätte. Das hat er nicht getan. «Dadurch hätte er sich der Verantwortung völlig entziehen können», sagt Baier.

Stellen bedeutet nicht mildere Strafe

Sich zu stellen, heisst übrigens nicht, dass man Strafmilderung bekommt, sagt Baier. Die Strafe oder Massnahme (bei psychischer Störung) ist nicht in erster Linie davon abhängig, wie sich die Person nach der Tat verhalten hat.

Primär für das Urteil bedeutsam sind etwa das Ausmass der Schuld, die Art des Vorgehens oder die Absichten der Tat.

Dass der Täter überhaupt schon an Strafmilderung gedacht habe, schliesst Baier zwar nicht aus. Es ist aber unwahrscheinlich.

Amok aarau
Die Amok-Tat von Aarau ereignete sich in der Nacht auf Sonntag. Am Montag stellte sich der 43-jährige Schütze. - keystone

Denn: «Die Tat ist in gewissem Sinne irrational. Es gab keinen Grund, genau auf diese Menschen an diesem Ort zu schiessen. Warum sollen dann die nachfolgenden Handlungen der Tatperson so kalkuliert sein, dass er sich Strafmilderung verspricht?»

Hätte der Täter so überlegt, so hätte er wohl auch in den Einvernahmen mehr zur Tat und seinen Motiven gesagt.

Bei seiner Festnahme sagte der Täter, es sei ihm seit Längerem gesundheitlich schlecht gegangen. Anschliessend schwieg er.

Psychische Probleme reichen nicht für eine solche Tat

Warum kommt es überhaupt zu solch einer schlimmen Tat? Jérôme Endrass, forensischer Psychologe, ordnet den Fall in der «SRF Rundschau» ein.

«Alleine aus psychischen Problemen entsteht noch keine so brutale Tat», sagt der Experte. Schliesslich hätten die allermeisten Menschen in ihrem Leben irgendwann mal psychische Probleme. Extrem-Straftaten wie in Aarau seien aber sehr selten.

Jérôme Endrass aarau
Jérôme Endrass ist forensischer Psychologe. - SRF Rundschau

Psychische Probleme würden dann zum Thema, wenn daraus eine Krankheit wird, die behandlungsbedürftig ist. «Eine Person kann plötzlich nicht mehr Recht von Unrecht unterscheiden.»

Manche Personen entwickeln zudem «ganz schwierige» Persönlichkeitseigenschaften und haben gleichzeitig Konflikte im Privaten. Die Person steht vor einer zerbrochenen Existenz – dann können daraus solche Situationen entstehen.

Motive von Eifersucht bis Sadismus

Die Motive seien ganz unterschiedlich. Endrass unterstreicht, dass in Deutschland Amok-Delikte 20 Jahre untersucht wurden. Gemeinsame Risikofaktoren oder Motive wurden nicht oder kaum gefunden. «Es ist alles sehr heterogen.»

Als mögliche Motive nennt der Experte zum einen ideologische Motive, die hier aber nicht relevant seien. «Es kann aber auch sein, dass jemand sehr gekränkt ist, dass jemand wahnsinnig eifersüchtig ist. Oder, dass jemand ein Geltungsbedürfnis hat.» Es gebe aber auch Personen, die «Freude haben an tötungsnahen Handlungen», also sadistische Motive.

Feiernde Menschen «eine gute Gelegenheit»?

Der Täter von Aarau hat auf feiernde Menschen geschossen. Nicht auszuschliessen, dass auch dies einen Einfluss hatte.

Möglicherweise habe der Täter gedacht, dass es hier einfacher ist, auf Menschen zu schiessen, so Endrass. Zufall, oder «eine gute Gelegenheit», etwa weil es laut ist und man Schüsse schlechter hört.

Aarau
Vor der Pferderennbahn beim Aarauer Schachen sind Blumen niedergelegt am Mittwoch. - keystone

Der Amok-Schütze könnte aber auch aus dem Grund losgeschossen haben, «weil die Leute gefeiert haben».

«Restrisiko» gibt es immer

Solche Taten zu verhindern? «Ein Restrisiko» gebe es in einer nicht komplett überwachten Gesellschaft immer, sagt Endrass.

«Man kann nicht alle Straftaten verhindern. Wir haben in der Schweiz aber ein sehr gut ausgebautes Bedrohungsmanagement. Es wird einiges erkannt, davon bekommt man aber nichts mit.»

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